Regulation vor Reflexion: Warum dein Kopf nicht heilen kann, was dein Körper nicht sicher fühlt
- 3. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Wir leben in einer Ära der Selbstoptimierung. Wir lesen die klügsten Bücher, hören Podcasts über Traumaheilung und wissen theoretisch ganz genau, welcher Glaubenssatz uns blockiert. Wir analysieren uns quasi zu Tode – und wundern uns dann mit hochgezogenen Augenbrauen, warum sich trotzdem nichts ändert. Warum wir immer noch feststecken. Warum „nichts weitergeht“.
Der Grund ist simpel, aber schmerzhaft: Wir versuchen, ein brennendes Haus zu renovieren, während wir noch mitten in den Flammen stehen.
Der ewige Zwiespalt: Kopf vs. Körper
Kennst du das? Dein Kopf sagt: „Du musst doch nur positiv denken und diszipliniert sein!“, während dein Körper sich anfühlt wie ein schreiendes Kleinkind im Supermarkt oder wie ein Stein, der bleischwer am Boden liegt.
Wenn wir versuchen, uns aus einem dysregulierten Zustand heraus zu „verstehen“, passiert oft Folgendes:
Der Kopf schreit: „Reiß dich zusammen!“
Der Körper antwortet: Mit Panik, Erschöpfung oder Taubheit.
Das Problem ist: Logik hat gegen ein alarmiertes Nervensystem keine Chance. Reflexion braucht einen sicheren Boden. Wenn dein Nervensystem im Überlebensmodus ist (Kampf, Flucht oder Erstarrung), ist der Teil deines Gehirns, der für rationales Denken zuständig ist, quasi offline.

Warum Radikale Ehrlichkeit der Gamechanger ist
Wir lügen uns oft selbst in die Tasche. Wir sagen „Es geht schon“, während unser Kiefer so fest zusammengebissen ist, dass er fast bricht.
Radikale Ehrlichkeit bedeutet nicht, anderen die Meinung zu geigen. Es bedeutet, ehrlich zu sich selbst zu sein:
„Ich bin gerade total überfordert. Mein Körper fühlt sich unsicher an. Ich kann gerade keine lebensverändernden Entscheidungen treffen, weil ich eigentlich nur atmen muss.“
Erst wenn wir anerkennen, wo wir wirklich stehen (und nicht, wo wir laut Optimierungswahn stehen sollten), hört der innere Widerstand auf.
Das Nervensystem ist kein Schicksal
Die wichtigste Botschaft zuerst: Ein dysreguliertes Nervensystem ist kein Defekt, sondern ein Zustand. Und Zustände sind veränderbar. Dein System hat lediglich gelernt, auf „Hab-Acht“ zu sein, um dich zu schützen.
Die Heilung liegt nicht in der einen großen Erkenntnis, sondern in der Regulation. Bevor du fragst „Warum bin ich so?“, reguliere deinen Atem. Spüre den Boden unter deinen Füßen. Gib deinem Körper das Signal: „Hier und jetzt bist du sicher.“ Erst danach macht Reflexion Sinn.
Feiere die „lächerlich“ kleinen Schritte
In einer Welt, die nur Quantensprünge feiert, übersehen wir das Gold in den Millimetern.
Du hast heute gemerkt, dass dein Atem flach ist? Feier dich.
Du hast eine Pause gemacht, bevor der Zusammenbruch kam? Riesiger Erfolg.
Du hast dir erlaubt, heute mal nicht an deiner Persönlichkeit zu arbeiten? Goldmedaille
Heilung und Vorwärtskommen passieren nicht durch Druck, sondern durch Sicherheit. Und Sicherheit entsteht durch Beständigkeit in den kleinen Dingen.
Fazit: Hör auf, dich zu optimieren, solange du noch im Überlebensmodus bist. Fang an, dich zu regulieren. Der Rest kommt dann fast wie von selbst.
Mein eigener wunder Punkt (und warum ich das hier mache)
Ich sage das alles nicht nur aus der Theorie. Ich kenne diesen Ort sehr genau. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist genau das mein „wunder Punkt“: Ich bin hochgradig reflektiert, aber trotzdem oft nicht reguliert genug. Ich weiß alles. Ich kann mein Verhalten analysieren, bis jedes Puzzleteil an seinem Platz liegt – und trotzdem fühlt sich mein Körper manchmal an wie ein aufgescheuchtes Reh oder ein tiefgekühlter Block. Ich weiß im Kopf, dass ich sicher bin, aber meine Zellen haben die Nachricht noch nicht erhalten.
Genau hier setzt meine Haltung an. Ich will diesen Zustand nicht länger weg-analysieren, sondern ihn aktiv verändern. Nicht mit dem nächsten dicken Ratgeber, sondern durch das Tun. Und genau deshalb schaffe ich Räume, in denen wir gemeinsam vom Kopf zurück in den Körper finden:
In meinem Circle: Wo wir uns kleine Impulse geben, die das System nicht überfordern, sondern sanft einladen.
In den Paketen mit Gabi: Wo wir ganz gezielt dort ansetzen, wo die Theorie aufhört.
Durch somatische Praxen: Inspiriert durch die tiefe Arbeit in der Community Within von Liat Wentler, nutze ich Werkzeuge, die direkt mit dem Nervensystem sprechen, statt nur über es zu reden.
Es geht nicht darum, „perfekt geheilt“ zu sein. Es geht darum, die Kapazität zu erweitern, mit dem zu sein, was ist – und dem Körper durch kleine, feine Schritte zu zeigen, dass er die Wachposten auch mal schlafen schicken darf.



Kommentare